Kanada: Wo die Kälte ein Grund zum Feiern ist


 
 
 

Minus 22 Grad? Da geht es für die Bewohner von Edmonton erst los. Sie machen aus dem Winter ein Festival.

Frozen Yogurt geht in Edmonton auch bei minus 22 Grad. Während in deutschen Eisdielen im Winter Lebkuchen verkauft werden, läuft in der Hauptstadt der kanadischen Provinz Alberta das Geschäft weiter. Gut, wer will, kann sich ein paar Türen weiter eine heiße Pho-Bo-Suppe holen, aber generell gilt: Kanadier begegnen dem Winter auf sehr pragmatische Art. Monsterschneepflüge räumen die Straßen frei. Eisfräsen schneiden Bahnen in Schneeverwehungen, fahrende Dampfgeräte schmelzen Eisplatten weg. Man zieht sich einen dicken Parka über, und das Leben geht seinen Gang.

Nordamerikas Autofahrer fahren ja schon im Sommer umsichtig, winters sind sie eben noch etwas bedächtiger unterwegs. In Edmonton bummeln auch die Fußgänger im Szeneviertel Old Strathcona ohne Eile von Geschäft zu Geschäft, plaudern über alles Mögliche – aber Wetter und Schnee sind kein Thema. Die Leute gehen raus, machen Sport und verabreden sich. Die Dichte und Qualität der Restaurants und Cocktailbars würde man eher in einer Metropole erwarten. Das war nicht immer so. Die Stadt liegt auf 1000 Meter Höhe, und die Winter sind lang. „Irgendwann wurde uns klar, dass wir eine Strategie brauchen, die Stadt war im Winter einfach tot“, erklärt Daniel Cournoyer. Er gehört zu Edmontons französischsprachiger Gemeinde. Keiner ging raus, erzählt er, wozu auch, da war ja nichts. Es musste etwas passieren. So entstand vor sieben Jahren die Idee, ein Festival zu organisieren: „Flying Canoe“, französisch „Canoë Volant“. Cournoyer ist dessen Direktor. Er sagt: „Wir wollten Lebensfreude in den Winter bringen und eine Brücke zu den anderen Einwohnern bauen.“

Während der drei Tage des Festivals, das immer im Februar stattfindet, verwandelt sich das französische Viertel in eine magische Welt, in der sich alles um die Legende vom Fliegenden Kanu dreht – eine in Kanada weit verbreitete Sage, die es in vielen Varianten gibt. Die Besucher wandern nachts durch die Flusslandschaft des Mill Creek, in den Zelten des eigens dafür aufgebauten Tipidorfes arbeiten Schnitzer, gibt es Trommelvorführungen und Gesang, an Lagerfeuern wird getanzt. So konnten sich auch die kanadischen Ureinwohner ins Festival einbringen. Fantastische Lichtskulpturen illuminieren die Wege. Und im französischen Gemeindezentrum gibt es Stände mit Spezialitäten, Konzerte und ein großes Kinderprogramm.

Die Winterstrategie hat längst die gesamte Stadt erfasst. Das zeigt sich auf einer Radtour mit Michael MacFynn. Er ist passionierter Radfahrer – das ganze Jahr über. Im Winter fährt er mit Gesichtsmaske und beheizbaren Handschuhen. „Deutsches Fabrikat, sehr zu empfehlen“, scherzt er. Bei Schneetreiben geht es auf Fat Bikes mit überbreiten, im Schnee Auftrieb gebenden Reifen von der City hinab ins River Valley. Der North Saskatchewan River hat ein gewundenes Flusstal geschaffen, die Stadt hat daraus einen Grüngürtel mit Parks und einem 160 Kilometer langen Wegenetz gemacht. Im Winter verwandeln städtische Bedienstete einen Teil der Wege in Iceways, Eiswege, auf denen die Edmontonians Schlittschuh laufen. Andere Pfade werden zu Trails für Langläufer, auch Fat Bikes sind erlaubt. „Share the trails“ steht auf Schildern, kein Problem für die entspannten Kanadier. In den Parks gibt es Winter-Picknickplätze und im Hawrelak-Park erschaffen Künstler jedes Jahr ein Eisschloss mit Eisrutschen und einem Thron aus Eis, mit Labyrinth und Kammern, in deren Eisfenster Verliebte ihre Namen ritzen.

Das Eisschloss ist ein willkommener Stopp, denn bei Neuschnee ist das Fahren auf Fat Bikes Schwerarbeit. Sogar bergab muss man treten. Trotz klirrender Kälte kommen Ungeübte derart ins Schwitzen, dass sie sich am liebsten die Thermowäsche vom Leib reißen würden. Doch davon rät Michael MacFynn ab. Der Windchill, die Kühle des Windes, mache minus 18 Grad schnell zu gefühlten minus 29 Grad.

Auch abends haben die Locals von Schnee und Eis noch nicht genug. Wenn ihr Eishockeyteam, die Edmonton Oilers, ein Heimspiel hat, ist Rogers Place ausverkauft. Das Eisstadion ist Teil einer 2016 eröffneten Multifunktionsarena, mit Platz für mehr als 18 000 Zuschauer. Es ist eine großartige Erfahrung, einmal die Stimmung bei einem kanadischen Eishockeyspiel mitzuerleben. Ganze Familien kommen, viele im Fanshirt, einige verkleidet, sehr viele Einwanderer sind darunter. Alle feuern sie ihr Team an, alle essen das gleiche Fast Food: Integration auf Kanadisch scheint zu funktionieren.

Auf einigen Fanshirts steht Draisaitl. Der Kölner Leon Draisaitl ist Mittelstürmer im Oilers-Team und einer der Publikumslieblinge. Der Name Oilers verweist auf die Ursache von Edmontons Wohlstand: Die im nördlichen Alberta liegenden Ölsandfelder haben Edmonton zur Boomtown gemacht. Das ist zwar ökologisch fragwürdig, aber die Förderung des Ölsands hat Arbeitsplätze für die Mittelschicht gebracht. Wer in den Ölfeldern schuftet und gutes Geld verdient, gönnt sich und der Familie in der Freizeit auch gerne etwas. Davon lebt auch die bunte und niveauvolle Gastroszene.

Zum Beispiel das Café Linnea. Name und Interieur sind schwedisch, ebenso die Wurzeln der 30-jährigen Chefin Kelsey Johnson. Sie setzt auf eine Mischung aus euro-kanadischer Weltküche. Sämtliche Zutaten sind frisch und kommen aus einem Umkreis von maximal 80 Kilometern. Sogar direkt aus der Stadt: Ökogärtner ziehen auf Brachflächen und in alten Lagerhallen Gemüse und Kräuter. Eröffnung war 2016, im Jahr darauf war Linnea bei Air Canada als Kanadas bestes neues Restaurant gelistet. Wer einmal den hausgebeizten Graved Lachs auf Kartoffel-Bete-Puffer probiert hat, versteht warum. Den Abend könnte man in der Cocktailbar Clementine auf der Jasper Avenue beginnen. Die Cocktails sind erstklassig gemixt und ihre Zubereitung ist eine unterhaltsame Show: Die Gläser werden vor dem Gast teils mit heimischen Kräutern aromatisiert. Je nach Temperament könnte es dann mit einer mexikanischen Kochshow im Rostizado oder entspannt am Kaminfeuer im Woodwork weitergehen, einem stimmungsvollen Restaurant mit erstklassigen Fleischgerichten. Als Entree darf, nein muss man jedoch den gegrillten Rosenkohl probieren.

Angeblich soll der Körper bei Kälte ja mehr Kalorien verbrennen. Wer sich darauf nicht verlassen möchte, der kann sich wieder aufs Fat Bike schwingen, Schlittschuh laufen oder rodeln. Oder die Stadt verlassen: Nur circa 40 Kilometer entfernt von Edmonton liegt der Elk-Island-Nationalpark. Dort lassen sich beim Langlaufen Bisons in freier Wildbahn beobachten. Oder man macht Anfang Februar beim Birkebeiner-Lauf mit, ein Wettbewerb, den die „Canadian Birkies“ aus Norwegen importiert haben. Auch er geht auf eine Legende zurück. Der zufolge haben die Birkebeiner während eines Bürgerkrieges im 13. Jahrhundert das königliche Baby auf Langlaufskiern 54 Kilometer von Rena nach Lillehammer gebracht und vor den nach der Macht greifenden Baglern gerettet. Birkenrinde muss sich niemand um die Beine wickeln, wie es die Birkebeiner taten. Funktionskleidung tut’s auch. Doch wer will, verkleidet sich als Wikinger oder läuft mit einem 5,5 Kilogramm schweren Rucksack, als Symbol für das gerettete Kind.

Schnee und Eis verbreiten in Edmonton keine Schrecken. Man macht lieber ein Festival draus. „Es ist leichter, sich aufzuwärmen als sich abzukühlen“, sagt Daniel Cournoyer. Zur Not hilft Frozen Yogurt.