USA: Am singenden Fluss


 
 
 

In dem kleinen Ort Muscle Shoals in Alabama haben Schwarze und Weiße schon während der Rassentrennung gemeinsam Musik gemacht. Noch heute kann man hier in den Clubs legendären Künstlern begegnen.

Die Sache mit den Rolling Stones? Jimmy Johnson grinst und sagt: „Begeistert waren wir nicht. Wir lasen, dass sie sich für eine Rhythm ’n‘ Blues-Band hielten. Das sahen wir nicht so: Echter Rhythm ’n‘ Blues klingt anders.“ David Hood schüttelt den Kopf, sagt: „Wir durften niemandem davon erzählen, weil sie nur ein Touristenvisum für eine Tournee hatten, nicht für Plattenaufnahmen. Und dann kommen sie mit einer Filmcrew. Wo immer die Band hinfuhr, hatte sie einen Wagen hinter sich, aus dem ein Kameramann hing.“

Jimmy Johnson und David Hood: Der eine groß und massig, der andere klein und drahtig. Sie sitzen im Muscle Shoals Sound, ihrem ehemaligen Studio, das heute ein Museum ist. 3614 Jackson Highway. Ein Shotgun House, wie man im Süden der USA sagt: schmal und tief. Verklinkerte Fassade, gebaut an einen Hang. Das Studio selbst im Untergeschoss. Es ist winzig. Man fragt sich, wie die Rolling Stones mit ihrer Entourage hier hineingepasst haben, mit den Frauen, Freunden und Session-Musikern.

Die Musiker wollten Bier, das aber war verboten. Also musste man es schmuggeln

3614 Jackson Highway – das ist mitten im Nichts. Ein paar Häuser, ein Hügel, dahinter verliert sich die Landstraße in endlosen Wiesen und Wäldern. Provinzieller als hier, wo Alabama an Tennessee und Mississippi grenzt, geht es in den USA nicht. Und doch war Muscle Shoals einst so etwas wie der Nabel der Popwelt. Und es ist immer noch ein Ort, der im Takt der Musik schlägt, von Blues und Country. Oder wie man heute sagt: von Americana, von Klängen, die aus der amerikanischen Volksmusik schöpfen.

Dass es so ist, hat viel mit Jimmy Johnson und David Hood zu tun. Beim legendären Label Fame waren sie in den 60er-Jahren zwei Viertel der Studioband, der Swampers: Johnson an der Gitarre, Hood am Bass. Fame brachte schwarze Musik heraus: von Percy Sledge etwa und die Staple Singers, Wilson Pickett und Aretha Franklin. Eingespielt von einer weißen Studioband mitten im rassengetrennten Süden.

Ende der 60er machten sich die Swampers selbständig. Bob Dylan nahm bei ihnen sein großartiges „Gotta Serve Somebody“ auf, die Rolling Stones drei Songs für ihr Album „Sticky Fingers“. Und die Südstaaten-Rocker Lynyrd Skynyrd setzten ihnen im Song „Sweet Home Alabama“ ein Denkmal: „Now Muscle Shoals has got the Swampers. They’ve been known to pick a song or two. Lord they get me off so much, they pick me up when I’m feeling blue. Now how about you?“ – In Muscle Shoals gibt’s die Swampers, man kennt sich von ein oder zwei Songs. Sie törnen mich an, sie richten mich auf, wenn’s mir schlecht geht. Und dich?

Im Muscle Shoals Sound öffnet Jimmy Johnson eine Schranktür. Eine vermeintliche Schranktür. Dahinter ist eine Bar. Eine Theke, zwei Sofas, Decke und Wände holzvertäfelt. Colbert County, der Landkreis, zu dem Muscle Shoals gehört, war lange Zeit trocken, der Verkauf von Alkoholika komplett verboten. Vor zehn Jahren wurde das Verbot gekippt, seit März 2018 sind auch am heiligen Sonntag Alkoholika erhältlich. „Wir kannten die Gegend nur trocken“, erinnert sich Jimmy Johnson. „Aber die Musiker, die bei uns aufnahmen, verlangten nach Bier. Also haben wir eine Zapfanlage gekauft, jede Woche ein Fass an die Staatsgrenze mit Tennessee liefern lassen und es hierhergebracht. Wir durften das Bier zwar nicht verkaufen, aber gratis ausschenken.“

Andreas Werner wuchtet einen Verstärker auf die Bühne, im Champy’s, einer Musikkneipe, wie sie typisch ist für die Südstaaten der USA: ein Blockhaus mit rostigem Blechdach, drinnen Tische und Stühle aus Resopal und jede Menge Konzertplakate an den Wänden. Zu essen gibt es Soul Food: Okra, Katzenwels, Shrimps – Hauptsache frittiert. Das Publikum besteht aus Weißen und Schwarzen, in den Südstaaten ist das bis heute ungewöhnlich.

Andreas Werner kommt aus der Schweiz. Seit sieben Jahren lebt und arbeitet er als Musiker und Produzent in Muscle Shoals. „Weil man Südstaatenmusik nur hier authentisch machen kann. Und weil ich in der Schweiz nie davon leben könnte, hier dagegen schon.“

Mit seinen angrenzenden Nachbarstädten Tuscumbia und Sheffield hat Muscle Shoals rund 30 000 Einwohner, knapp 40 000 Menschen leben in Florence am anderen Ufer des Tennessee River. Aber es gibt ein Dutzend Musikkneipen und ebenso viele Studios. Pro Kopf dürfte kein Ort in den USA mehr Musiker aufweisen als Muscle Shoals. Auch weil die Country-Metropole Nashville gerade mal zweieinhalb Autostunden entfernt ist.

Lilafarbener Anzug, Stiefel aus Krokodilleder: Das ist Junior Lowe

Das Konzert. Andreas Werners Band ist illuster: David Hood spielt am Bass. Und am Piano wechseln sich Spooner Oldham und Donnie Fritts ab. Als Hit-Schreiber und Studiomusiker haben sie unter anderem für Bob Dylan, Joe Cocker und Dolly Parton gearbeitet. Das Band-Konzept ist simpel: Jeder spielt zwei, drei eigene Songs und begleitet die anderen bei deren Liedern. Ein Mann mit strähnigen blonden Haaren steigt auf die Bühne, linkisch und verlegen. Er heißt Russell Medford, ist von Beruf Juwelier – und Hobbymusiker.

„Typisch Muscle Shoals“, kommentiert Bill Lawson, ein Mittfünfziger: bärtig, schwarzhaarig, füllig. Auch Bill Lawson ist Musikproduzent, ihm gehören die Wishbone Studios in Muscle Shoals. Dass die Gegend so viele Musiker hervorbringt, hat für ihn einen simplen Grund: Armut. „Musik war und ist billige Unterhaltung. In meiner Jugend haben wir uns jedes Wochenende bei jemandem getroffen. Es gab etwas zu essen, und dann haben alle ihre Instrumente ausgepackt und zusammen gespielt, Schwarze und Weiße. Etwas anderes hatten wir nicht.“

Bill Lawson hält sich an einem Bier fest. Neben ihm eine Erscheinung: ein hagerer Mann in einem lilafarbenen Anzug, Cowboystiefel aus Krokodilleder an den Füßen und einen Stetson auf dem Kopf. Albert Lowe, den alle nur Junior nennen. Junior Lowe ist der legendärste unter den Musikern aus Muscle Shoals: Er hat mit fast allen Rock- und Soul-Größen seiner Zeit gespielt. Und er ist der unzugänglichste. Er lebt auf einer Farm außerhalb der Stadt, wie ein Eremit.

In den späten 50er-Jahren hat Junior Lowe die Clubs in und um Muscle Shoals unsicher gemacht. Die schwarzen und die weißen Clubs. Zusammen mit seinem Jugendfreund Percy Sledge, der später mit „When a man loves a woman“ einen Welthit laden sollte. Auf seinen Streifzügen hat Junior Lowe den Sound des schwarzen Amerikas aufgesogen. Und Percy Sledge den des weißen. Während die Welt um sie herum in Aufruhr geriet.

Bis 1964 herrschte in Alabama die gesetzliche Rassentrennung, danach regierte ein reaktionärer Gouverneur. In der Industriestadt Birmingham zündeten Rassisten eine Bombe in einer schwarzen Kirche, die anschließenden Proteste ließ der Polizeichef niederknüppeln. Martin Luther Kings berühmter Friedensmarsch von Selma nach Montgomery wurde zweimal von der Nationalgarde gestoppt, erst im dritten Versuch gelangten die Demonstranten in Alabamas Hauptstadt. Aber das war in den Städten. In einem Interview kurz vor seinem Tod im Jahr 2015 hat Percy Sledge erzählt, wie friedlich das Zusammenleben von Schwarzen und Weißen in Muscle Shoals war. Auch Bill Lawson hat es so erlebt: „Armut hatte hier nichts mit der Hautfarbe zu tun. Alle haben Baumwolle gepflückt, um über die Runden zu kommen. Meine Eltern haben sich sogar dabei kennengelernt.“

Am Tennessee River. Frachtkähne tuckern vorbei. An einem steinernen Picknicktisch zwei Männer. Der eine klimpert auf der Gitarre, der andere macht sich Notizen. Der Mann mit der Gitarre heißt Kelvin Holly. Er ist groß und schlank, seine Haare sind lang und angegraut. Auch er hat mit Rockgrößen gespielt. Der andere stellt sich als Robert Cline vor. Er ist Sänger und Komponist, kommt aus Texas und lebt seit ein paar Monaten in Muscle Shoals. „Wir schreiben Songs“, sagt Kelvin Holly, besser hier am Fluss als drinnen in einem öden, dunkeln Studio.“

Eine Frau setzt sich zu ihnen, zierlich, blond, mit Korkenzieherlocken. Tonya Holly ist Kelvins Ehefrau. Früher hat sie als Besetzungschefin für Filmstudios in New York und Hollywood gearbeitet. Seit ein paar Jahren dreht sie Dokumentarfilme. Von hier, aus Muscle Shoals, Alabama. Ihre Produktionsfirma residiert in einem Backsteinbau, einen Steinwurf vom Tennessee River entfernt. Das Gebäude war ursprünglich ein Elektrizitätswerk, dann eine Festhalle, anschließend ein Musikstudio, betrieben von den Swampers, nachdem ihnen die Räumlichkeiten am Jackson Highway zu klein geworden waren.

Die Studios und ein paar Büros hat Tonya Holly an Musiker vermietet. An ältere wie David Hood. Und an junge wie Robert Cline. Muscle Shoals ist ein magischer Ort, findet Tonya Holly: „Hier am Tennessee River war früher eine indianische Kultstätte. Wenn das Wasser über die Steine floss, über die Shoals, machte es ein wunderschönes Geräusch, als würde es singen. Die Indianer nannten diese Stelle Maiden of the River, die Siedler sprachen vom singenden Fluss. Kein Wunder, dass hier so tolle Musik entsteht.“

Reiseinformationen

Anreise: Muscle Shoals ist zwei Autostunden von Birmingham/Alabama entfernt, zweieinhalb von Nashville drei von Memphis. United und Delta fliegen alle drei Städte von München über Washington bzw. Atlanta an. Nach Birmingham und zurück ab 1050 Euro.

Übernachten: Coldwater Inn, DZ ca. 100 Euro, www.coldwaterinn.com

Nachtleben: In Muscle Shoals und Umgebung treten jeden Abend Bands auf, oft aber unangekündigt, z.B. im Rattlesnake Saloon, www.rattlesnakesaloon.net, oder im Champy’s, www.champyschicken.com

Studios: Das Fame-Studio, www.fame2.com, kann unter der Woche von 9 bis 16 Uhr und samstags von 10 bis 14 Uhr besichtigt werden. Die geführte Tour kostet neun Euro. Muscle Shoals Sound, https://muscleshoalssoundstudio.org, ist von Mai bis Anfang September täglich geöffnet von 10 bis 17 Uhr. Jeweils zur halben und vollen Stunde findet eine Tour statt (13 Euro).

Auskünfte: Alabama Tourism, Tel: 0521 / 19 86 04 15