Kanada stärkt Rechte von Reisenden durch eigene Fluggastrechte

Kanada stärkt Rechte von Reisenden durch eigene Fluggastrechte

 
 
 

Schon seit Dezember arbeitete man in Kanada an der Ausarbeitung einer umfassenden Sammlung von Fluggastrechten. Über die einzelnen Rechte wurde die vergangenen Monate intensiv diskutiert. Doch nun scheint man zu einem Konsens gelangt zu sein. Die finalen Details zu den neuen Fluggastrechten liegen seit dem 24. Mai vor. Eingeführt werden die neuen Richtlinien noch in diesem Jahr.

Fluggastrechte wie wir sie hier in der EU kennen, gibt es leider in nicht allzu vielen Ländern dieser Welt. Entschädigungen bei Verspätungen oder Überbuchungen liegen oftmals im Ermessen der Airline oder werden auf nicht hinreichend bestimmte gesetzliche Formulierungen gestützt. Dass es aber auch anders gehen kann, versucht gerade Kanada zu zeigen. Das Land hat nämlich umfassende Richtlinien formuliert, die Fluggäste künftig schützen sollen.

In großen Teilen ähnlich zu EU-Fluggastrechten

Dabei liest sich das Dokument ähnlich zu den EU-Fluggastrechten, wenngleich es aber auch einige Unterschiede gibt. Eine der wohl bedeutendsten ist, dass die kanadischen Fluggastrechte in manchen Bereichen in große Airlines und kleine Airlines aufgeteilt sind. Entschädigungen fallen bei kleinen Airlines teils deutlich geringer aus als bei den großen Airlines. Als große Airline gilt nach den Richtlinien eine Airline, die in den vergangenen zwei Jahren mehr als zwei Millionen Passagiere befördert hat.

In Kraft treten werden die neuen Fluggastrechte in Kanada in zwei Phasen. Die erste Phase startet am 15. Juli 2019, die zweite zum 15. Dezember 2019. Von den Rechten erfasst sind alle Flüge, die nach Kanada führen, aus Kanada weg führen oder die innerhalb Kanadas stattfinden. Selbst Anschlussflüge, die in Kanada angetreten werden, sind von den Richtlinien erfasst. Doch was bedeuten die neuen Richtlinien für Passagiere konkret? Wir wollen uns zwei Bestandteile der Richtlinien ansehen, die Reisenden Entschädigungen gewähren.

Bestandteile der Fluggastrechte

Denied Boarding Compensation

Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine Entschädigung für all jene, denen das Boarding versagt wird. Ein solcher Fall liegt vor, wenn der Flug überbucht ist. Sofern Ihr Euch rechtzeitig zum Boarding am Gate eingefunden habt und alle relevanten Tickets und Reisedokumente habt, könnt dann aber nicht mitfliegen, habt Ihr ab dem 15. Juli 2019 Anspruch auf folgende Entschädigungen:

Bei einer verspäteten Ankunft am Zielort von weniger als sechs Stunden im Vergleich zur ursprünglichen Ankunftszeit auf dem Originalticket erhaltet Ihr 900 CAN-Dollar Entschädigung.
Bei einer verspäteten Ankunft am Zielort von sechs oder mehr aber weniger als neun Stunden im Vergleich zur ursprünglichen Ankunftszeit auf dem Originalticket erhaltet Ihr 1.800 CAN-Dollar Entschädigung.
Bei einer verspäteten Ankunft am Zielort von neun oder mehr als neun Stunden im Vergleich zur ursprünglichen Ankunftszeit auf dem Originalticket erhaltet Ihr 2.400 CAN-Dollar Entschädigung.

Bei Entschädigungen für eine Abweisung beim Boarding machen die kanadischen Fluggastrichtlinien keinen Unterschied zwischen großen und kleinen Airlines.

Delay Compensations

Anders sieht das bei Verspätungen aus. Ist Euer Flug verspätet, habt Ihr ab dem 15. Dezember 2019 Anspruch auf folgende Entschädigungen

Große Airlines (z.B. Air Canada, Westjet)

Bei einer verspäteten Ankunft am Zielort von drei oder mehr aber weniger als sechs Stunden im Vergleich zur ursprünglichen Ankunftszeit auf dem Originalticket erhaltet Ihr 400 CAN-Dollar Entschädigung.
Bei einer verspäteten Ankunft am Zielort von sechs oder mehr aber weniger als neun Stunden im Vergleich zur ursprünglichen Ankunftszeit auf dem Originalticket erhaltet Ihr 700 CAN-Dollar Entschädigung.
Bei einer verspäteten Ankunft am Zielort von neun oder mehr als neun Stunden im Vergleich zur ursprünglichen Ankunftszeit auf dem Originalticket erhaltet Ihr 1.000 CAN-Dollar Entschädigung.

Kleine Airlines (z.B. Northwestern Air)

Bei einer verspäteten Ankunft am Zielort von drei oder mehr aber weniger als sechs Stunden im Vergleich zur ursprünglichen Ankunftszeit auf dem Originalticket erhaltet Ihr 125 CAN-Dollar Entschädigung.
Bei einer verspäteten Ankunft am Zielort von sechs oder mehr aber weniger als neun Stunden im Vergleich zur ursprünglichen Ankunftszeit auf dem Originalticket erhaltet Ihr 250 CAN-Dollar Entschädigung.
Bei einer verspäteten Ankunft am Zielort von neun oder mehr als neun Stunden im Vergleich zur ursprünglichen Ankunftszeit auf dem Originalticket erhaltet Ihr 500 CAN-Dollar Entschädigung.

Wichtig an dieser Stelle ist, dass die Richtlinie für Entschädigungen bei Verspätungen erst zum 15. Dezember 2019 in Kraft tritt und damit deutlich später als die Richtlinie für Entschädigungen bei Denied Boarding. Auch differenzieren die Kanadier bei Verspätungen zwischen kleinen und großen Airlines. Die kleinen Airlines müssen hier deutlich weniger zahlen als große Airlines. Dass die Unterschiede so groß sind, ist etwas überraschend, zollt aber den unterschiedlichen wirtschaftlichen Lagen der Airlines Tribut.

Natürlich erfassen die kanadischen Fluggastrechte noch weit mehr Situationen. Wer sich hiermit noch näher beschäftigen möchte, findet die offizielle Bekanntmachung auf den Seiten der Canadian Transportation Agency.

Keine Entschädigung bei sicherheitsrelevanten technischen Problemen

Neben der Unterscheidung zwischen kleinen und großen Airlines gibt es noch einige weitere Unterschiede zwischen den EU-Fluggastrechten und dem Kanadischen Pendant. Im Bereich der Situationen, in denen Airlines keine Entschädigung zahlen müssen, führen die kanadischen Richtlinien Verspätungen wegen technischer Probleme auf. Konkret müssen Airlines dann nicht zahlen, wenn die Verspätung durch sicherheitsrelevante Probleme hervorgerufen wurde. Dazu gehören Sicherheitsentscheidungen des Kabinenpersonals sowie Entscheidungen unter Berufung auf das Sicherheitsmanagement.

Zwar muss die Airline in diesen Fällen für das Wohl der Gäste sorgen, indem etwa Getränke und Verpflegung sowie notfalls eine Unterkunft zur Verfügung gestellt wird, einen Anspruch auf Entschädigung in den oben aufgeführten Höhen haben die Passagiere dann allerdings nicht. Leider ist die Richtlinie mit ihrer Formulierung an dieser Stelle ziemlich offen. Grundsätzlich ist es ja auch sicherheitsrelevant, wenn ein Teil der Crew fehlt, weil er selbst verspätet ist. Aber ist das dann eine sicherheitsrelevante Verspätung, die die Airline von ihrer Entschädigungspflicht entbindet? Das werden im Zweifel die kanadischen Gerichte klären müssen.

Fazit zur Einführung von Fluggastrechten in Kanada

Für Passagiere sind manifestierte Fluggastrechte immer wieder ein Segen. So hat man schließlich schwarz auf weiß, was einem in welchem Fall zusteht und welche Rechte man geltend machen kann. Kanada hat sich hier offenbar viele Gedanken gemacht und Passagieren umfassende Rechte zugesichert. Einige kennen wir so oder ähnlich bereits aus unseren EU-Fluggastrechten. An einigen Stellen werden die Kanadier etwas differenzierter, an anderen Stellen bleibt es noch etwas oberflächlich. Alles in allem sind die Kanadischen Fluggastrechte aber ein wichtiger Schritt für alle Reisenden von, nach oder innerhalb Kanadas. Wollen wir nur hoffen, dass kanadische Flieger bald nicht deutlich mehr technische Probleme haben als es bisher der Fall ist.