Getreidemärkte: Sintflut in den USA, Dürre in Kanada

Getreidefelder in Amerika

 
 
 

Wie nah die Wetterextreme beieinander liegen können, sieht man derzeit in Nordamerika. Während in den USA sintflutartige Regenfälle die Felder unter Wasser setzen, trocknen die Böden in den Prärieprovinzen Kanadas aus.

Der Effekt ist jedoch derselbe: Die Farmer in den USA bekommen Mais und Soja nicht in den überschwemmten Boden. Die kanadischen Kollegen können keinen Canola (Sommerraps) und Sommerweizen bestellen. Auch die Preise steigen in beiden Ländern. Allerdings gibt die Entwicklung in den USA die Richtung für die Getreide- und Ölsaatenpreise vor.

Mögliche Ernteausfälle in beiden Ländern hätten massive Auswirkungen auf den globalen Getreide- und Ölsaatenmarkt. Das zeigt die von den USA ausgehende jüngste Preisrallye eindrucksvoll. Analysten, Landwirte und Händler sind jedoch unsicher, wie nachhaltig die aktuelle Preisrallye wirklich ist. Denn belastbare fundamentale Daten gibt es im Moment nur wenig und die Auswirkungen der Wetterextreme auf Aussaatflächen und Erntemengen werden wohl erst in einigen Wochen erkennbar sein.

Deshalb kommt es auch immer wieder zu heftigen Preisschwankungen. Am Dienstag sind die Weizenpreise in den USA und Europa jedenfalls zurückgegangen und auch der Mittwoch beginnt im vorbörslichen Handel in Nordamerika mit tiefroten Zahlen für Weizen, Mais, Sojabohnen und Canola.

Hohe Getreidepreise beeinflussen Aussaat

An den extremen Witterungsbedingungen in Nordamerika hat sich trotz der heutigen Preisschwäche kaum etwas geändert. Und in den USA ist das Aussaatfenster für Mais im Wesentlichen geschlossen. Nur zwei Drittel der geplanten Maisfläche sind bestellt.

Bei Sojabohnen ist nicht einmal die Hälfte der Fläche bestellt – zeitlich ist hier jedoch noch etwas Luft. Analysten erwarten aber, dass viele Farmer wegen der hohen Preise doch noch Mais pflanzen – obwohl sich die Ertragsaussichten mit jedem Tag Verzögerung drastisch reduzieren.

Ein anderer Teil der Farmer könnte noch Soja säen – wenn sie denn irgendwann auf ihre Felder kommen. Danach sieht es derzeit aber noch nicht aus. Die Nachlieferung von Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmitteln ist infolge der oftmals nicht mehr schiffbaren großen Flüsse ebenfalls fast nicht möglich.

Dennoch könnten die Verluste am Ende kleiner ausfallen als derzeit erwartet, wenn die Wachstumsbedingungen für die gepflanzten Bestände sich in den nächsten Wochen deutlich verbessern sollten, glauben nicht wenige Analysten.

Aussaat in Kanada verzögert sich ebenfalls

Während es in den USA extrem nass ist, erleben die Farmer in der kanadischen Prärie das Gegenteil. Seit Wochen ist es sehr trocken. Die Aussaat von Raps und Sommerweizen in den kanadischen Anbaugebieten verzögert sich immer weiter. Dabei könnten die Kanadier von den großen Ernteausfällen ihre amerikanischen Kollegen eigentlich profitieren.

Allerdings befindet sich Kanada – wie die USA auch – in einem Handelsstreit mit China. Das Land kann deshalb deutlich weniger Raps ins Reich der Mitte verkaufen als sonst. Das beeinflusst die Anbauentscheidungen der Farmer zu Gunsten von Weizen. Die steigenden Sojapreise ziehen den Raps jedoch mit nach oben und könnten beim weltweit größten Raps-Exporteur noch für Korrekturen in den Anbauentscheidungen sorgen. Die Raps- und Sojabohnenpreise hängen eng zusammen.

Kanada und die USA erreichten mit ihren Raps- und Sojabohnenlieferungen gerade einen historischen Höchststand, als China die Käufe in beiden Ländern beinahe einstellte. Beide Länder befinden sich in einer diplomatischen und handelspolitischen Auseinandersetzung mit China, die dazu geführt hat, dass auch die Einfuhr von Rapssaat blockiert wird.

Kanadische Prärien trocknen aus

Nun können die kanadischen Farmer wegen der anhaltenden Trockenheit weder Raps noch Weizen säen bzw. der gesäte Raps läuft einfach nicht auf. Viele Landwirte warten darauf, dass der Raps sich eine Woche nach der Aussaat zeigt. Aber wegen fehlender Feuchtigkeit passiert einfach nichts.

Der Niederschlag in den letzten 30 Tagen betrug in der Prärieprovinz Saskatchewan, dem Kernland der kanadischen Raps- und Weizenproduktion, weniger als 40 Prozent der normalen Menge. Auch in den Provinzen Alberta und Manitoba war es deutlich trockener als gewöhnlich.

Dagegen lagen die durchschnittlichen Niederschlagsmengen im Mittleren Westen der USA allein im Mai bei 150 Prozent bis 300 Prozent des Normalwerts, sagt Don Keeney, leitender Agrarmeteorologe für den Wetterdienst Maxar.

Jet-Stream treibt Regen in die USA

Die Trockenheit in den kanadischen Prärien sei eine Folge der Nässe im Mittleren Westen, sagt Andrew Owen, Meteorologe bei World Weather. Der Jet-Stream hat in den US-Anbaugebieten so viel Feuchtigkeit abgelassen, dass für die Prairien in Kanada nur noch wenig übrig ist, sagte er.

Die Bedingungen in Alberta sind so schlecht, dass Tausende von Menschen aufgrund von Waldbränden ihre Häuser verlassen haben, und das Umweltministerium vor schlechter Luftqualität warnt. Angekündigter Regen könnte in dieser Woche jedoch in Alberta und Manitoba für Erleichterung sorgen. Das besonders geplagte Saskatchewan wird der Regen jedoch verpassen, sagt Owen.

Während also die Farmer in den USA auf Trockenheit warten, um den Mais und die Sojabohnen dochnoch in den Boden zu bekommen, hoffen die kanadischen Kollegen auf Regen, damit sie säen können oder die Saat aufgeht.