Cannabis-Legalisierung: Kanada, ein Land auf Droge

Cannabis-Fans haben das Ahornblatt in der Nationalflagge schon mit dem Hanfblatt ersetzt

 
 
 

Seit Oktober 2018 hat Kanada Cannabis für Erwachsene komplett freigegeben. Durch die Legalisierung hofft die Regierung, den Schwarzmarkthandel mit Haschisch einzudämmen. Die Cannabis-Produzenten wittern das große Geschäft. Doch nicht alles, was auf dem Markt erhältlich ist, ist auch legal.

Ein Land auf Droge – ganz legal, seit vergangenem Oktober. Die kanadische Nationalflagge gibt es in bereits einer abgewandelten Version: Statt mit Ahorn- nun mit Hanfblatt.

„Es gibt viele Optionen, wir haben rund 85 verschiedene Cannabissorten im Angebot. Da ist alles dabei: Mehr als 20 Prozent THC-Gehalt oder auch geringere Dosen. Dazu Gewächshaus- oder Freilandanbau. Manches hilft beim Schlafen oder bei Schmerzen, anderes wird dich anregen. Die Frage ist, wonach genau du suchst.

Kanada hat als erstes Mitglied im elitären Klub der G7-Industrieländer den Schritt gemacht und Cannabis für Erwachsene komplett frei gegeben. Für medizinische Zwecke hatte das riesige Flächenland die Droge schon 2001 zugelassen. Nun also auch zur „Erholung“, so die offizielle Wortwahl: „Recreational marihuana“. Ein, dreieinhalb oder sieben Gramm seien die Standardmengen, erklärt Verkäufer Jordan.

Auf der elektronischen Anzeigetafel des Geschäfts sind vom Indischen Hanf Cannabis Indica unter anderem die Sorten Black Mamba, Blueberry Diesel oder White Dragon gelistet. Unter Cannabis Sativa finden sich Hurricane oder der Geister-Atem, Ghost Breath. Sieben Gramm für 60 kanadische Dollar. Die brummende Kühltheke daneben ist gefüllt mit Keksen, Gummibärchen und Dauerlutschern. Alles ebenfalls mit Cannabis versetzt.

„Ich mag den ‚Space Bar‘ am liebsten! Eine Kombination aus Buttertoffee, Erdnussbutter und Marshmallow. Versetzt mit 100 Milligramm – eine mittlere Dosierung“, sagt Jordan.

Legalisierung voller Absurditäten

Jordan steht an der Verkaufstheke. In einem der hinteren Räume rührt und backt seine Mutter. Gerade erhitzt sie Zuckersirup für Bonbons und Dauerlutscher.

Ja: Cannabis ist zulässig in Kanada. Alles aber, was hier wächst, gebacken und verkauft wird, ist vollkommen illegal. Das Geschäft Legacy 420 – die Zahl ist ein Codewort für Cannabis – gibt es schon seit 2015, also lange vor der Cannabis-Legalisierung. Mit Cannabis versetzte Lebensmittel sind ohnehin auch in Kanada noch verboten. Die Freigabe ist erst für kommenden Oktober geplant. Legacy 420 hat keine Lizenz, weder für die Produktion noch für den Verkauf. Die Polizei könnte den Laden jederzeit schließen. Könnte, macht es aber nicht. Denn die Cannabis-Legalisierung in Kanada ist voller Absonderlichkeiten. Eine davon ist der starke Wille vieler indianischer Ureinwohner, auf ihrem Land ihr Recht durchzusetzen. So wie im Irokesen-Reservat zweieinhalb Autostunden südwestlich von Kanadas Hauptstadt Ottawa, unweit des Ontario-Sees.

Cannabis-Shop im Reservat

Tim Barnhart gehören dort das Geschäft, die Cannabis-Backstube und ein großes Labor für Qualitätskontrollen und die Messung des THC-Gehalts der Produkte. Der Substanz Tetrahydrocannabinol wird die berauschende Wirkung der Droge zugesprochen.

„Wir haben das Recht, uns selbst zu regieren. Dieses Recht haben wir durch unseren Vertrag damals noch mit der britischen Krone. Der bestimmt die Rechte der Krone und die unseres Volkes. Dazu gibt es das Abkommen des Wampum-Gürtels – darauf zwei perlenbesetze Reihen. Die besagen: Die Europäer reisen in ihrem Boot, wir in dem unseren. Und zwar in verschiedene Richtungen. Wir sind eine eigene Nation.“

Eine Nation, die keine Steuern zahlt, die ihre eigenen Gesetze hat, die nicht auf die Cannabis-Freigabe aus Ottawa gewartet hat. Unter Nachbarläden wie Peacemaker 420 ist Tim Barnhart fraglos der Platzhirsch.

„Das Geschäft hat in den vergangenen Jahren um 1.000 Prozent zugenommen. Angefangen habe ich noch alleine, jetzt habe ich 38 Angestellte. Ungefähr 1,7 Millionen Dollar fließen damit an unsere First Nation zurück. Eine beträchtliche Summe!“

Kunden wie Josh und der 28-jährige Brendan kommen aus Nachbarorten wie Kingston hier her. Dort gibt es kein legales, staatliches Geschäft. Allerdings könnte Brendan seine Ware auch online bestellen. Das aber ist ihm zu anonym:

„Die Leute hatten erst Angst, dass die Polizei sie sich schnappt, wenn sie den Laden verlassen. Aber die macht nicht viel Druck. Sie kontrolliert keine Autos, verfolgt niemanden. Am Ende wird doch der Preis entscheidend sein. Die Leute bekommen Cannabis im Reservat einfach günstiger als in dem neuen Geschäft in Ottawa.“

Kandas Cannabis-Minister

Kanadas Hauptstadt Ottawa, Confederation Building, nur ein paar Schritte vom Parlament entfernt, das sich mächtig Mühe gibt, Big Ben zu imitieren. William Blair begrüßt in seinem großzügigen Büro im Erdgeschoss. Er ist nicht nur Minister für Grenzschutz und Kampf gegen organisierte Kriminalität. Der liberale Premier Justin Trudeau hat ihn auch zum Cannabis-Minister gemacht: Besteuerung, Kontrolle der Anbauer, Drogen am Steuer, Schutz von Kindern – all das fällt in Blairs Ressort.

Ein gewaltiger Rollenwechsel. Denn früher hat Blair als Polizeichef der Großstadt Toronto gegen Cannabis gekämpft, nun kontrolliert er das Geschäft damit:

„100 Prozent des Cannabismarktes waren in der Hand der organisierten Kriminalität. Ohne jede Regeln. Der Schwarzmarkt hat kein Interesse an der Gesundheit unserer Kinder oder der Sicherheit unserer Gemeinden. Ihn zu verdrängen ist ein wichtiges Ziel unsere Politik. Seit der Legalisierung vor einem halben Jahr findet inzwischen ein Drittel aller Einkäufe von Erwachsenen auf legalem Weg statt.“

Für Minderjährige bleibt Cannabis nach den Vorgaben der Regierung weiterhin tabu. Studien warnen vor Schäden für das sich entwickelnde Gehirn. Allerdings gibt fast ein Drittel der kanadischen Teenager an, im vergangenen Vierteljahr Marihuana geraucht zu haben. Erklärtes Ziel der Regierung ist es, den Schwarzmarkt so zu beschädigen, dass Kinder letztlich kaum noch Drogendealer finden, erklärt Minister Blair:

„Wir haben zudem immer noch alle Optionen von Ermittlung bis Strafverfolgung, um mit den Kriminellen umzugehen, die unsere Kinder in Gefahr bringen. An diesen Gesetzen hat sich nichts geändert.“

Cannabis-Freigabe hat nicht nur Fans

Pamela McColl ist die vielleicht schärfste Kritikerin der Cannabis-Freigabe in einem Land, das sonst recht unaufgeregt damit umzugehen scheint. Kanada und die Droge – das war schon so lange angekündigt, ein Wahlversprechen Justin Trudeaus. Dann der Start auch noch verzögert. Als es am 17. Oktober schließlich so weit war, schienen die Gefechte von Gegnern und Befürwortern bereits geschlagen.

„Es gibt einfach zu viele Lobbyisten in der Marihuana-Industrie. Auch die amerikanische Lobby hat nun tief Wurzeln hier in Kanada gefasst. Die Regierung hat Hof gehalten mit all den Mitwirkenden der Marihuana-Industrie. Ihr geht es vor allem ums Geld, um Jobs, um Steuern. Und sehr wenig um gesundheitliche Aufklärung.“

Acht Milliarden kanadische Dollar schwer sei das Geschäft, das bislang der Schwarzmarkt gemacht habe, sagt die Regierung. Pamela McColl spricht für mehrere Gruppen, die die Legalisierung ablehnen. Vor die Wahl gestellt zwischen Verbot oder der jetzt praktizierten Schadensbegrenzung mittels eines kontrollierten Marktes ist sie klar für die Rückkehr zur Prohibition.

Cannabis als neuer Jobgarant

Das 9.000-Einwohner Örtchen Smiths Falls: Hier dröhnen Lüftungs- und Heizungsanlagen für Kanadas legales Marihuana. Canopy Growth ist Kanadas größter Produzent, eine knappe Autostunde von der Hauptstadt Ottawa entfernt. Laborkittel, Überzieher für die Schuhe, Türen mit Chipcard-Lesern. Canopy Growth verbreitet eine technisch-sterile Atomsphäre mit strikten Kontrollen. In Smiths Falls stehen auch nicht die großen Hanf-Gewächshäuser. Die finden sich vor allem an der Pazifikküste in Britisch-Kolumbien.

Hier aber wachsen die so genannten Mutterpflanzen, die zur Massenvermehrung dienen und die Sortenreinheit gewährleisten sollen. Hier sind die Labore zur Überprüfung der Produkte und zur Entwicklung neuer. Und hier ist das Besucherzentrum im Lounge-Stil für das Tochterunternehmen Tweed, in dessen Namen das „Weed“ augenzwinkernd schon eingebaut ist.

Den Gründer und Geschäftsführer nennt das Manager-Magazin bissig einen Drogenboss. Da lacht Bruce Linton nur. Hauptsache, sie würden darüber nicht seinen oder gar den Firmennamen vergessen. Bruce Linton ist lebendes Marketing – und scheint seine Energie und seine übersprudelnden Ideen kaum zügeln zu können.

Als Erstes fragt er, ob in Deutschland nicht der Kohlebergbau vor dem Aus stehe. Er wolle nämlich überall dort produzieren, wo es sonst keine Jobs mehr gebe. In Smiths Falls ist zwar nicht die Kohleindustrie gestorben, aber der Schokoladenhersteller Hershey‘s gegangen. Mehr als 500 Jobs gingen damals verloren. Der kleine Ort geriet ins Schleudern. Heute gilt er als „Pot Capital of Canada“, die Pot-Hauptstadt Kanadas.

Von hier aus will Canopy Growth nicht weniger als ein Google des Cannabis-Marktes werden. Schon jetzt ist die Firma der größte legale Hersteller der Welt. Die Mitarbeiterzahl ist binnen eines Jahres von 700 auf 2.700 gestiegen. Für das erste Quartal seit der Legalisierung hat Linton eine Umsatzexplosion um fast 300 Prozent verzeichnet:

„Die Welt wacht auf. Cannabis ist doch nichts Neues. Regierungen haben die Wahl: Sie können es ignorieren, dann kümmern sich Kriminelle darum. Oder sie regulieren es, verdienen Geld damit und klären die Gesellschaft auf.“

Risiken? Ja, die gebe es, sagt Linton. Er zeigt dann aber gleich mit dem Finger auf die illegalen Händler mit dubioser Ware unklarer Herkunft und Zusammensetzung und womöglich mit Verunreinigungen. Lieber spricht er über die Vorzüge der Pflanze. Und die Marktchancen.

Cannabis 2.0: Produzenten wittern das große Geschäft

Zugleich bereitet sich Canopy Growth auf Cannabis 2.0 vor: Die kanadische Cannabis-Freigabe auch für Lebensmittel und Getränke. Die soll im Oktober dieses Jahres folgen.

„Auf der anderen Straßenseite ist ein recht großes Gebäude. Dort werden wir mit Cannabis versetzte Getränke herstellen. Dieses Produkt gibt es natürlich auf dem illegalen Markt auch nicht. Wir schaffen hier ein globales Unternehmen. Eine Firma hat uns gerade vier Milliarden US-Dollar für 17 Prozent unserer Firma gegeben.“

Das erinnert an den Hype um Tech-Unternehmen. Wo aber die Erwartungen explodieren, ist vielleicht auch die Finanzblase nicht mehr weit. Zwischen 25 und 55 kanadischen Dollar schwankend hat die Canopy Growth Aktie schon viel Auf und Ab gesehen. Noch schreibt das Unternehmen zudem rote Zahlen. Aber nur wegen des aggressiven Expansionskurses, so sieht es Geschäftsführer Linton.

Cannabis 2.0 – ein neuer Markt von Gummibärchen über Gebäck bis hin zu Bier. Da ist erneut Bundesminister Blair in der Hauptstadt Ottawa gefragt:

„Wir wissen, dass es nennenswerte zusätzliche gesundheitliche und soziale Risiken gibt für Lebensmittel, Extrakte und Produkte zur äußeren Anwendung. Deshalb haben wir uns dafür ein weiteres Jahr Zeit genommen. Wir wollen die richtigen Obergrenzen. So dass kanadische Erwachsene genau wissen, welche Stärke die Produkte haben und was sie auslösen können.“

Die Gesundheitsbehörde Health Canada will maximal zehn Milligramm der psychoaktiven Substanz THC pro Lebensmittel- oder Getränkepackung zulassen. Zur Erinnerung: Der so genannte „Space Bar“ in dem Geschäft auf Reservatsgelände hat das Zehnfache zu bieten.

Neben geringeren Preisen zeichnet sich mit dem Wettstreit um die Wirkungsmacht der Ware bereits die nächste Herausforderung bei dem Versuch ab, den Cannabis-Schwarzmarkt zu beseitigen.

Ende März wurde noch fleißig gebaut. Anfang April hat dann die „Superette“ in Ottawa eröffnet. Eines der ersten legalen Cannabisgeschäfte in Ontario, der bevölkerungsreichsten Provinz Kanadas. Fast ein halbes Jahr hat die Region gebraucht, um Kunden mehr als bloß ein Online-Angebot zu machen. Das weiß geflieste Geschäft wirkt wie eine Mischung aus Metzgerei und Designer-Shop. Zur Eröffnung gibt es nur mäßige Schlangen. Und unaufgeregte Anwohner wie Lee-Anne, die sich am ehesten über Staus und Parkplätze Sorgen macht.

Cannabis, Bier und Schnaps

Rund 3.000 Kilometer von Kanadas Hauptstadt und dem Superette-Geschäft entfernt liegt Yellowknife, die Hauptstadt der kanadischen Nordwest-Territorien. 20.000 Einwohner klein, nicht weit vom Polarkreis entfernt, ist hier auch im März der riesige Great Slave See noch so massiv zugefroren, dass über die Bucht hinweg eine Eisstraße ins benachbarte Dettah verläuft.

Während Ontario bis April keinen einzigen Laden hatte und jetzt auf private Investoren setzt, gehen die Nordwest-Territorien einen anderen Weg. Sie verkaufen Cannabis über die ohnehin schon staatlich reglementierten Alkoholgeschäfte. Zwischen Regalen mit Wein, Bier und Schnaps eine kleine Theke: Unter Glas sechs fast identisch aussehende Cannabis-Kartons. Mit gelb unterlegten Warnhinweisen und dem gesetzlich vorgesehenen Stop-Zeichen mit dem Hanf-Blatt darin.

Das Geschäft habe zwar an Fahrt aufgenommen, sagt Inhaber Edward Eggenberger. Gegen den billigeren Schwarzmarkt rechnet er sich aber keine großen Chancen aus. Der erste Verkaufstag dagegen war in dem kleinen Ort geradezu ein Ereignis, ein Spektakel. Ein Land auf Droge eben, erinnert sich Eggenberger:

„Der ganze Laden war rappelvoll. Wir mussten die Türen abschließen, damit nicht alle gleichzeitig reinkamen und wir erst einmal die Kunden drinnen bedienen konnten. Einige kamen hier am 17. Oktober und haben etwas gekauft. Ich bin überzeugt, das liegt immer noch zuhause bei ihnen rum.“

Um acht Uhr abends hieß es dann: Ausverkauft. Wie in vielen Orten Kanadas. Dieses Problem hat Edward Eggenberger heute nicht mehr. Der Nachschub fließt. Und das findet ein Kunde einfach nur „cool“. Kein Versteckspiel sei mehr nötig. Sein Plan: Nordlichter gucken und einen Joint rauchen.