USA: „Ihr wisst doch, welche Scheiße er gesagt hat“

Beto O'Rourke

 
 
 

Kein demokratischer Präsidentschaftsbewerber geht Trump härter an als Beto O’Rourke. Der Mann aus El Paso, Texas, galt als Wunderkind – aber er hat nicht alle Erwartungen erfüllt.

Beto O’Rourke hatte sich vorgenommen, nicht mehr zu fluchen. Jedenfalls öffentlich. Man kann „shit“ und „fuck“ sagen, wenn man als Schüler Bass in einer Punkband spielt, wie O’Rourke es getan hat. Vielleicht kommt man damit auch noch durch, wenn man ein Hinterbänkler im Kongress ist, der im Wahlkampf nur im texanischen Busch herumfährt. Aber als Kandidat für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten? Da verzichtet man doch lieber auf das S- und das F-Wort.

Aber dann kam der mörderische Samstag in El Paso, an dem ein junger Mann mit einem Sturmgewehr loszog, um Mexikaner zu töten. Er wolle, so schrieb er in einem Manifest, Texas vor einer „Invasion“ von Migranten retten. Und seither tut sich Beto O’Rourke keinen Zwang mehr an, wenn er darüber redet, wen er als den geistigen Anstifter dieses Attentats sieht: Donald Trump, den Präsidenten, der dem Volk täglich einredet, Amerika werde von „Invasoren“ aus dem Süden überrannt. „Ihr wisst doch alle, welche Scheiße er gesagt hat“, blaffte O’Rourke vor einigen Tagen, als er von Journalisten nach Trump gefragt wurde. „Er hat mexikanische Einwanderer Vergewaltiger und Verbrecher genannt. Ich meine – what the fuck?“

Die Linie von Trumps verbaler Hetze gegen Migranten zu den rassistisch motivierten Schüssen in El Paso ziehen zwar viele der fast zwei Dutzend Frauen und Männer, die derzeit mit O’Rourke um die demokratische Präsidentschaftskandidatur für kommendes Jahr wetteifern. Doch keiner der Bewerber ist so erschüttert wie O’Rourke, keiner geht Trump so scharf und wütend an. Als bekannt wurde, dass Trump an diesem Mittwoch zu einem Kondolenzbesuch nach El Paso reisen werde, machte O’Rourke sich zum Sprecher der Stadt und teilte dem Präsidenten mit, er solle bloß wegbleiben.

In gewisser Hinsicht ist diese Rolle angemessen. Der 46 Jahre alte O’Rourke stammt aus El Paso, er hat den größten Teil seines Lebens dort verbracht – abgesehen von ein paar Wanderjahren in New York -, seine Familie und die seiner Frau sind seit Langem in der Stadt im Westen von Texas ansässig. Von 2013 bis 2019 vertrat er den Wahlkreis, in dem El Paso liegt, im US-Abgeordnetenhaus. Es waren also seine Nachbarn und Wähler, die am Wochenende ermordet wurden.

Vor nicht allzu langer Zeit galt O’Rourke noch als Wunderkind der Demokraten. Jung, lässig und emotional, ziemlich links, dabei aber modern und nicht verbissen oder streberisch; und dann auch noch aus der texanischen Provinz und mit diesem coolen, spanisch klingenden Vornamen „Beto“ – ein echtes Talent also. Dass O’Rourke auf den eher drögen, erzirischen Namen Robert Francis getauft wurde, erfuhren seine Anhänger nur, wenn sie es bei Wikipedia nachschauten.

Bei der Kongresswahl 2018 versuchte O’Rourke, dem republikanischen Senator Ted Cruz das Amt wegzunehmen. Er verlor – aber nur so knapp, dass er zu der Einsicht gelangte, der zwingende nächste Schritt sei nun die Präsidentschaftskandidatur. Das war wohl etwas überheblich, bisher hat O’Rourke im Vorwahlkampf der Demokraten jedenfalls keinen besonders guten Eindruck gemacht. Als er zum Beispiel bei einer Fernsehdebatte der Kandidaten plötzlich anfing, spanisch zu sprechen, war das eher peinlich als überzeugend. „All hat, no cattle“, sagt man in Texas über solche Leute, die die Erwartungen nicht erfüllen: Er hat einen großen Hut, aber keine Rinder.

Vielleicht ist ein Teil von O’Rourkes Wutausbrüchen gegen Trump daher auch kalkuliert. Vielleicht will er sich so endlich von den anderen Kandidaten absetzen und den Durchbruch schaffen. Die Aufmerksamkeit des Präsidenten hat er immerhin geweckt. O’Rourke solle „still sein“, twitterte Trump am Vorabend seines Besuchs in El Paso. O’Rourke twitterte prompt zurück: Er nannte Trump einen Rassisten, der Terroristen inspiriere. „El Paso wird nicht still sein, und ich werde es auch nicht sein.“