Morde an Journalisten in Mexiko: Wo das Gesetz der Angst und Kugeln gilt

Kreuz am Sarg des ermordeten Journalisten Jorge Ruiz: Tödlicher Mix von Gewalt und Korruption

 
 
 

In Mexiko regieren das organisierte Verbrechen und korrupte Politiker. Wenn Journalisten darüber berichten, riskieren sie ihr Leben. Gerade erst wurden drei Reporter innerhalb kürzester Zeit ermordet.

Jorge Ruiz, Édgar Navas, Rogelio Barragán: Drei Namen mexikanischer Reporter, die in nur vier Tagen ermordet wurden. Ruiz streckten seine Häscher fern von zuhause im Bundesstaat Veracruz nieder, Navas erschossen seine Mörder am Strand von Guerrero, und Barragán fanden die Behörden mit entstelltem Gesicht und zwei Einschüssen im Kopf in einem Kofferraum im Bundesstaat Morelos.

Getötete Journalisten sind in dem zweitgrößten Land Lateinamerikas seit Jahren bitterer Alltag. 131 Medienschaffende wurden nach Angaben der mexikanischen Journalistenschutzorganisation „Artículo 19“ seit dem Jahr 2000 getötet. Aber noch nie starben in so kurzer Zeit so viele Reporter wie zwischen Ende Juli und Anfang August. Seit Januar verloren bereits neun mexikanische Journalisten ihr Leben, so viele wie im gesamten vergangenen Jahr.

Mexiko habe sich 2019 zum gefährlichsten Land der Welt für Journalisten verwandelt, kritisiert die Organisation „Reporter ohne Grenzen“. Besonders brisant ist diese Statistik, wenn man bedenkt, dass Mexiko formal eine Demokratie ist. Aber in weiten Teilen des Riesenlandes herrschen das organisierte Verbrechen oder Politiker und Regenten, die mit der Mafia gemeinsame Sache machen.

Mit einem Bein im Grab

Reporterinnen, Moderatoren, Bloggerinnen und andere Journalisten, die über die Kartelle oder die Verbindung der Mafia mit der Politik berichten, stehen immer mit einem Bein im Grab. Jorge Ruiz zum Beispiel hatte einen Tag vor seiner Ermordung einen Artikel im „Gráfico de Xalapa“ veröffentlicht, in dem er den Bürgermeister einer Gemeinde beschuldigte, öffentliche Gelder für private Zwecke veruntreut zu haben.

An der Bedrohungslage hat auch der neue mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador nichts geändert, obwohl er bei seinem Amtsantritt vor sieben Monaten zusagte, Journalisten besser zu schützen. Aber angesichts der aktuellen Gewalt gegen Reporter bleibe die Regierung erschreckend schweigsam, kritisieren Journalistenverbände.

Der Tod der drei Kollegen in weniger als einer Woche komme einem „Anschlag auf die Pressefreiheit“ gleich, sagt Ana Cristina Ruelas, Vorsitzende von „Artículo 19“. Seit mehr als zehn Jahren stiegen die Aggressionen, Anschläge und Tötungen von Medienschaffenden in Mexiko kontinuierlich an, betont Ruelas im Gespräch mit dem SPIEGEL. „Was wir sehen, ist das Ergebnis systematischer Straflosigkeit in den vergangenen Jahren.“

Wer in Mexiko einen Reporter tötet, kann fast sicher sein, dass er ohne Strafe davonkommt. Weniger als ein Prozent der Taten werde aufgeklärt, sagt Ruelas. Und wenn, dann ergreift die Justiz ohnehin nur die Killer. Die Hintermänner bleiben immer unbestraft. Die Täter sind laut „Artículo 19“ zu fast gleichen Teilen staatliche Akteure und Schergen der organisierten Kriminalität. Während der sechsjährigen Amtszeit von Präsident Enrique Peña Nieto (2012 bis 2018) zählte die Schutzorganisation 2500 Aggressionen gegen Journalisten, darunter 48 Morde. 52 Prozent der Delikte gingen auf das Konto der Mafia. Den Rest hatten Polizisten oder zumeist lokale Politiker zu verantworten.

Zonen des Schweigens

Journalistinnen und Journalisten in Mexiko arbeiten ständig in einem Umfeld von Gewalt und Korruption, die sich zu einem tödlichen Mix verbinden können. Die Justiz ermittelt dabei meist nur oberflächlich und nachlässig. Und die Bevölkerung stehe den Verbrechen gegen Reporter weitgehend gleichgültig gegenüber, sagt Ana Cristina Ruelas. „Das führt zu einer Entfremdung zwischen Medien, ihren Machern und der Gesellschaft, was die Journalisten noch verwundbarer macht.“ Für Pressemitarbeiter in Mexiko gelte das „Ley del miedo y fuego“, übersetzt bedeutet das etwa: das „Gesetz der Angst und der Kugeln“. Daher könne man in Mexiko nicht von einer freien Presse und Meinungsfreiheit sprechen.

Erschwerend kommt hinzu, dass es vor allem im Norden des Landes immer mehr „Zonen des Schweigens“ gibt. Dort haben Zeitungen angesichts massiver Einschüchterungen aufgehört, über die Taten der Kartelle zu berichteten.

Erst vor wenigen Tagen schmiss der Direktor des kleinen Blattes „Monitor de Parral“ im Bundesstaat Chihuahua das Handtuch. Zuvor hatten Maskierte die Einrichtungen der Zeitung in der Stadt Parral, rund 600 Kilometer südlich der Grenzstadt Ciudad Juárez, mit selbstgebauten Bomben angegriffen. „Ich habe die Botschaft verstanden“, erklärte Direktor Jorge Salayandía daraufhin und versprach, dass seine Zeitung nicht mehr über Kriminalität, Gewalt und Politik berichten werde. Salayandía richtete sich direkt an die unbekannten Urheber der Tat: „Ich möchte Ihnen mitteilen, dass wir uns nicht mit Ihnen anlegen wollen.“

Angesichts solcher Entwicklungen nehmen die Journalisten Linkspräsident López Obrador in die Pflicht. Bisher habe die neue Regierung zwar viel versprochen, aber kaum etwas umgesetzt, sagt Ana Cristina Ruelas. „Wir brauchen endlich einen umfassenden und integralen Schutz auf der föderalen Ebene und in den Bundesstaaten. Auch die Justiz muss ihre Arbeit tun.“ López Obrador selbst sei widersprüchlich in seinem Diskurs. Auf der einen Seite verspreche er den Journalisten Schutz, auf der anderen Seite äußere er sich öffentlich negativ über Autoren, deren Berichterstattung ihm nicht gefällt. „Derartige Äußerungen schwächten die Position der gesamten Zunft“, warnt die Chefin von „Artículo 19“.