Mexiko: Land der Massengräber

Massengrab in Zapopan: Mehr als hundert Müllsäcke mit Leichenteilen

 
 
 

In einem ausgetrockneten Brunnen in Mexiko wurden mehr als hundert Müllsäcke mit Leichenteilen gefunden. 40.000 Menschen gelten in dem Land als vermisst – viele Gräber werden wohl nie gefunden.

Erst der beißende Geruch, dann die Fliegenschwärme: Anwohner dachten, ein Tier sei in den ausgetrockneten Brunnen auf einem verlassenen Gelände in Zapopan gefallen und verendet. Sie riefen die Polizei. Die fand auf dem Boden des Brunnens in dem Vorort der Millionenstadt Guadalajara aber kein Tier, sondern mehr als hundert Müllsäcke mit menschlichen Überresten. Zum Teil lagen sie dort schon mehrere Jahre.

Die mexikanische Presse nennt den Fundort nur den „Horrorbrunnen“. Während die Gerichtsmediziner mühevoll versuchen, die Leichenteile zu ordnen und die Opfer zu identifizieren, vermuten Experten bereits, dass es sich um das größte Massengrab handeln könnte, das jemals in Jalisco gefunden wurde. In dem mexikanischen Bundesstaat operiert das „Cartel Jalisco Nueva Generación“ (CJNG), eines der größten und blutrünstigsten Verbrechersyndikate Mexikos.

Zwischen Januar und Juli wurden allein in Jalisco 20 Massengräber mit insgesamt 145 Leichen entdeckt. Weitere menschliche Überreste aus anderen Fundstellen warten noch auf die Identifizierung. Denn die Forensiker kommen angesichts der Opferzahlen mit der Erkennungsarbeit nicht nach.

„Zwei Köpfe, zwei Rümpfe“

Der Koordinator des Sicherheitskabinetts von Jalisco gab am Dienstag nüchtern zum „Horrorbrunnen“ Auskunft: „Es konnten sieben Leichen komplett zusammengesetzt werden, 13 sind noch unvollständig, zudem gibt es zwei Köpfe, zwei Rümpfe und weitere Leichenteile, die wir nicht zuordnen können.“ Mexikos Kartelle sind dafür berüchtigt, ihre Opfer zu zerteilen und bisweilen auch in Säure aufzulösen.

Der makabre Fund von Zapopan richtet die Aufmerksamkeit auf eines der schmerzhaftesten Probleme des zweitgrößten Landes Lateinamerikas: Menschen, die von einem auf den anderen Moment einfach vom Erdboden verschluckt scheinen und nie wieder auftauchen. Oft sind es Zivilisten, die zumeist im Drogenkrieg ins Kreuzfeuer der Kartelle gerieten, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Oder es sind Schergen und Pistoleros rivalisierender Banden oder auch Opfer staatlicher Gewalt. Im Krieg gegen die Kartelle haben auch die Sicherheitskräfte Verdächtige getötet und ihre Leichen verscharrt.

40.000 Menschen gelten in Mexiko nach offiziellen Zahlen als vermisst. Das sind mehr als in den südamerikanischen Militärdiktaturen der Siebzigerjahre. Menschenrechtsorganisationen schätzen die Zahl noch deutlich höher. „Ganz Mexiko hat sich in ein enormes Massengrab verwandelt“, sagte der für Menschenrechte zuständige Vizeinnenminister Alejandro Encinas vor ein paar Monaten.

Und leider hat auch der vor zehn Monaten ins Amt gestartete Präsident Andrés Manuel López Obrador daran noch nicht viel ändern können. Er hat zwar ein staatliches Vermisstenregister aufbauen lassen, zeigt anders als seine Vorgänger Mitgefühl mit den Angehörigen. Zudem will er mit einer neuen Truppe, der Nationalgarde, die Gewalt im Land eindämmen.

Aber die Nationalgarde ist noch nicht komplett aufgebaut und zudem vor allem an den Grenzen im Süden und Norden im Einsatz, um auf Druck der US-Regierung zentralamerikanische Migranten an der Einreise nach oder der Ausreise aus Mexiko zu hindern. „Eine die Dinge verändernde Politik macht auch die neue Regierung nicht“, sagte der Schriftsteller Antonio Ortuño dem SPIEGEL. „Die Stipendien für gefährdete und arbeitslose Jugendliche sind zwar eine gute Idee, aber angesichts der Dimension des Problems zu wenig.“ Ortuño, der selbst aus Zapopan stammt, thematisiert in seinen auch in Deutschland veröffentlichten Büchern immer wieder die Gewalt in Mexiko.

„In Deutschland fragen mich Leser, ob ich mich von Quentin Tarantino und seinen Gewaltfilmen inspirieren lasse“, wundert sich der Autor. „Die Menschen können sich nicht vorstellen, dass die exorbitante Gewalt real ist.“ In seiner Heimat aber stelle die Realität immer wieder die Fiktion in den Schatten.

Besonders schlimm findet Ortuño, dass Nachrichten wie der Horrorbrunnen von Jalisco kaum noch jemanden in Mexiko interessieren. „Die Hypergewalt wird einfach so hingenommen, genauso wie Schießereien auf Partys, bei denen ganze Familien ausgelöscht werden oder wie das Verschwinden der 43 Studenten von Ayotzinapa, das sich jetzt zum fünften Mal jährt.“

Die Gewalt werde nicht nachlassen, solange so viel Geld und so viel Drogen zirkulierten, die wahre „Armeen hoffnungsloser Jugendlicher anziehen“, so Ortuño. „Erst wenn es vernünftig bezahlte Jobs im legalen Sektor gibt, kann dieser Wahnsinn aufhören.“

Bis dahin aber werden die Morde und die Zahl der Verschwundenen weiter zunehmen. In den ersten sechs Monaten des Jahres wurden knapp 15.000 Menschen in Mexiko ermordet, Tausende andere verschwanden. Angesichts der Trägheit und des Unwillens der mexikanischen Justiz bei der Suche nach Vermissten entstehen immer mehr Selbsthilfegruppen. Sie heißen „Milynali Red-CFC“ im Bundesstaat Tamaulipas oder FUNDEJ (Vereinte Familien für unsere Verschwundenen) in Jalisco. Gegründet werden sie meist von Müttern, die ihre Kinder vermissen.

Diese Kollektive bieten den Behörden in Zusammenarbeit mit internationalen Forensikteams Hilfe bei der Identifizierung der Opfer an. Teilweise machen sie sich gleich selbst mit Spaten und Spitzhacke auf die Suche nach Gräbern. Guadalupe Ramos, eine der Gründerinnen von FUNDEJ, sagte vor dem Hintergrund des Falls von Zapopan: „Es gibt so viele Gräber in Jalisco. Unser ganzes Leben reicht nicht dafür, um sie alle zu finden.“