Austin / USA: In der Stadt der Seltsamen

Schönen Gruß aus Austin: Touristen nehmen die Andersartigkeit der Stadt nicht auf den ersten Blick wahr, auch hier gibt es Gentrifizierung.

 
 
 

Die Einwohner der Hauptstadt Austin wollen anders sein als der Rest von Texas. Ein Besuch in der selbsternannten „Freedom City“.

Auf der Suche nach einem Dollar rollt Transam Natar über die East Sixth Street in Austin, Texas. 30 Grad im Schatten, schwüle Luft, kein angenehmer Ort für einen Rollstuhlfahrer, schon gar nicht für einen obdachlosen. Doch die Mittagszeit ist wichtig. Wenn sich die Lokale mit Geschäftsleuten und Touristen füllen, sitzt das Geld etwas lockerer als sonst. „Hi Sweety“, ruft der Mann mit dem grauen Bart und dem sanften Lächeln dann den Damen zu, die vorbeigehen. Viele schenken ihm keine Beachtung, doch einige lächeln zurück. Und manche zücken sogar einen Dollar.

„Ich bin gerne in Austin“, sagt Natar, was seltsam klingt angesichts der Tatsache, dass er auf der Straße lebt. „Aber es ist so“, versichert der 45-Jährige. „Der Rest von Texas ist religiös, rassistisch und voreingenommen. Aber hier nicht. Hier leben fast eine Million Menschen, von denen die meisten nicht mal in dieser Stadt geboren wurden.“ Cool sei das, an einem solch offenen Ort zu leben, in der Musikhauptstadt der Welt, in der sogar Obdachlose wie er Fanpost bekämen. Tatsächlich holt er einen Brief hervor, in dem ihm eine Frau Komplimente macht.

In Austin darf die Polizei nicht einfach den Aufenthaltsstatus von Verdächtigen abfragen

Ganz ähnlich wie Transam Natar sieht sich die texanische Hauptstadt auch selbst. „Hauptstadt der Livemusik“ lautet das offizielle Motto. Fast genauso verbreitet ist der Slogan „Keep Austin Weird“, der auf Plakaten, T-Shirts und Aufklebern überall in der Stadt zu sehen ist: Austin soll irgendwie anders sein als das Cowboyland ringsherum, vielleicht auch verrückt oder alternativ. Was genau man in den Satz hineinliest, bleibt jedem selbst überlassen.

Sicher ist, dass Austin politisch anders tickt als das konservative Umland. Auf der einen Seite: ein Bundesstaat, der illegale Einwanderung mit allen Mittel bekämpft und sogar Studenten erlaubt, an der Uni eine Waffe zu tragen. Auf der anderen Seite: das liberale Austin, das sich selbst zur „Freedom City“ erklärt hat. Die Polizei darf hier nicht ohne Weiteres den Aufenthaltsstatus von Verdächtigen abfragen. Auch untersagt es die Stadt ihren Angestellten, beruflich in den Nachbarstaat Alabama zu fahren – aus Protest gegen die verschärften Abtreibungsgesetze.

Auch kulturell hebt sich Austin vom ländlichen Texas ab. Mehrere Hundert Bands gibt es in der Stadt. Fast jede Bar, jede Kneipe und jedes Restaurant bietet Livemusik. Das Musik- und Technologiefestival „South by Southwest“ zieht jedes Jahr Tausende Besucher an. Kaufhäuser engagieren Musiker, um Kunden in Stimmung zu bringen. Und sogar Juristen singen. David Komie, Partner einer Kanzlei und Leadsänger einer Band, wirbt mit T-Shirt und langen Haaren für seine Dienste, Plakatüberschrift: „Der Anwalt, der rockt.“ Die Stadt wiederum fördert die lokale Kreativszene nach Kräften. Mit HAAM gibt es sogar eine Organisation, die Musikern eine Krankenversicherung verschafft – in den USA keineswegs eine Selbstverständlichkeit. „Früher wurde vor allem Jazz gespielt“, erinnert sich Transam Natar, der Obdachlose. „Da hätten die Leute einen Tritt in den Hintern bekommen, wenn sie was anderes spielen.“ Heute hingegen sei für jeden Geschmack etwas dabei, sogar Partymusik. „Das war in den Neunzigerjahren noch wilder“, meint Natar. „Da hat sich ein Künstler ein Lasso um den Penis gebunden und auf der Straße getanzt. Das war normal.“

Heute passieren solche Eskapaden selten. Wenn abends die Bars ihre Türen öffnen, stehen an jeder Ecke Polizisten. Sie sorgen dafür, dass alles in geregelten Bahnen verläuft. Ansonsten ein Anblick, wie man ihn aus vielen hippen Großstädten kennt: elektrische Roller, Fahrräder, Foodtrucks. Am Lady Bird Lake, der mitten im Zentrum liegt, drehen Jogger ihre abendliche Runde. Auf dem Wasser ziehen junge Leute beim Stand-up-Paddling ihre Bahnen. Der Grenzbeamte am Flughafen liefert eine fast schon philosophische Sicht der Dinge: „Wenn alle denken, sie wären anders, dann sind die Andersartigen doch alle schon wieder gleich.“

Und doch will man sie in Austin konservieren, die Andersartigkeit. Welch besseren Ort gäbe es dafür als das „Museum of the Weird“, das Museum des Seltsamen. An der Kasse steht eine junge Frau mit einem Piercing, das wie ein Schnurrbart über der Lippe hängt. „In Austin stört das keinen“, sagt sie selbstbewusst. „Hier läuft jeder rum, wie er will.“

Dann schiebt sich die Künstlerin einen Nagel in die Nase

Das Museum selbst wirkt wie ein Gruselkabinett anno 1980: ausgestopfte Tiere, Kälber mit zwei Köpfen, Mumien und Außerirdische aus Plastik. Der Höhepunkt der Tour ist ein Besuch bei Madame Strana (was auf Italienisch ebenfalls „seltsam“ bedeutet). Die Zauberkünstlerin schiebt sich einen Nagel in die Nase, der so lang ist wie ihre Hand. Dann wiederholt die 27-Jährige die Darbietung mit einer Schere. „Meine Nebenhöhlen sind nie verstopft“, sagt sie und lacht. Das Publikum traut sich kaum zu klatschen. Zum Abschluss springt sie mit nackten Füßen in einen Haufen Glasscherben. Verbeugung, Applaus. Das Museum wird seinem Namen wahrlich gerecht.

Wie so viele ist auch Madame Strana eine Zugezogene, allerdings nicht aus Italien. „Wegen eines Typen“ sei sie von Kalifornien nach Austin gezogen, erzählt die junge Frau. Die Beziehung habe kein gutes Ende genommen, die Jobsuche aber schon. „Die Tricks, die ich zeige, gibt es seit Jahrhunderten“, sagt Madame Strana, „aber hier kann man damit immer noch Geld verdienen.“ Austin sei ein Paradies für Millennials: kleine Läden, Livemusik, handgemachte Souvenirs. „Wir sind so hip wie New York oder L. A.“, meint sie, „aber die Leute hetzen sich nicht so ab. In Austin verläuft das Leben entspannt.“

Ausgerechnet das Stadtmotto hat allerdings eine nicht ganz so entspannte Geschichte. Der Slogan soll auf den Bibliothekar Red Wassenich zurückgehen, der sich um die Jahrtausendwende über die Gentrifizierung seiner boomenden Stadt ärgerte: absurde Mietpreise, teure Restaurants, Neureiche mit dicken Autos. Um den Charme von Austin zu retten, druckte Wassenich Aufkleber mit der Aufschrift „Keep Austin Weird“.

„Die trinken da oben ihr Bier und schauen auf uns herab“

Der idealistische Ausruf zog jedoch schon bald ungeahnte Kreise. Der Einzelhandelsverband nutzte ihn, um für lokale Geschäfte zu werben. Postkarten und T-Shirts wurden mit dem antikapitalistischen Schlachtruf bedruckt und anschließend teuer verkauft. Schon bald wurde der Spruch das Opfer seines eigenen Erfolgs. Outhouse Designs, ein Modegeschäft in Austin, ließ sich den Satz markenrechtlich schützen – ein Schlag ins Gesicht für Wassenich. Stand dieser Schachzug doch für genau das, was in Austin in seinen Augen schieflief. Noch heute werden die T-Shirts in Souvenirläden für 25 Dollar verkauft.

30 Meilen südlich von Austin, im Vorort Bastrop, sitzen zwei junge Männer in einem Coffeeshop: Alex Peterson, 20 und sein Bruder Glenn, 22, bereiten ihren nächsten Auftritt vor. Die Jazzmusiker spielen fast jeden Abend auf einer anderen Bühne, darunter auch im renommierten Continental Club in Austin. „Wir machen das, seit wir zwölf sind“, erzählt Alex Peterson. „Es gab immer Menschen, die uns gefördert haben, die uns die Chance gaben, etwas aus uns zu machen.“

Mit ihrer Musik touren die „Peterson Brothers“ durchs ganze Land, wobei sie an ihrer Heimatstadt besonders hängen. „Hier ist es einfach supercool“, schwärmt Glenn Peterson. „Die Musik ist sehr divers, genau wie die Leute. In jeder Bar kannst du etwas anderes hören, von Hip-Hop bis Soul.“ Und die negativen Seiten? „Da müsste ich lange nachdenken“, sagt der jüngere Bruder. „Wahrscheinlich der Verkehr. Wir wachsen immer mehr, aber es gibt bis heute keine Straßenbahn.“

Als die beiden den Coffeeshop verlassen, hält ein Pick-up-Truck neben ihnen an. Ein älterer Mann in Jeansjacke und Baseballmütze sitzt am Steuer, ein typischer Republikaner, könnte man meinen. Doch in Wahrheit ist er ein Fan. „Ihr beiden seid die einfach die Besten“, ruft er durchs Fenster, bevor er aufs Gaspedal seiner röhrenden PS-Schleuder tritt.

Am späten Nachmittag ist Transam Natar mit seinem Rollstuhl noch immer auf der East Sixth Street unterwegs. „Ich muss in Bewegung bleiben, damit mich die Polizei nicht verscheucht“, erzählt er. So sehr er seine Stadt auch liebt, so fremdelt er doch mit den Folgen, die der Boom mit sich gebracht hat.

„Direkt neben unserer Unterkunft wurde ein Hochhaus für die Superreichen gebaut“, schimpft Natar. „Die trinken da oben ihr Bier und schauen auf uns herab.“ Die Kluft zwischen Arm und Reich sei auch in Austin größer geworden, Toleranz hin oder her. „So ist das überall im Land“, sagt er resigniert.

„Wir sind eben immer noch in Texas.“

Info

Anreise: Lufthansa bietet seit diesem Frühjahr einen Direktflug von Frankfurt nach Austin und zurück an, ab 694 Euro, lufhansa.de

Unterkunft: Das Hotel The Line, direkt in der Innenstadt, kostenlose Leih-Räder für Gäste, DZ ab 208 Euro, thelinehotel.com/austin

Musik: Im Continental Club, 1315 South Congress Avenue, gibt es seit 1955 jeden Abend Live-Musik. Der beste Ort, um Platten zu kaufen, ist Waterloo Records, 600 North Lamar Boulevard.

Reise-Lektüre: Der Erfinder des Austin-Slogans, Red Wassenich, hat einen alternativen Stadtführer veröffentlicht: „Keep Austin Weird: A Guide to the Odd Side of Town“ (20 Dollar).

Weitere Auskünfte: austintexas.org