USA: Kinnhaken für Hitler

In den Comics von Jörg Buttgereit schlägt sich Superheld Captain Berlin mit Dikatoren und Autokraten. (Jörg Buttgereit / Weissblech-Verlag)

 
 
 

Alexander Braun und Jörg Buttgereit im Gespräch mit Gesa Ufer

Die USA nutzten Comics als Propaganda gegen die Nazis. Eine Ausstellung in Dortmund widmet sich nun der Darstellung des Zweiten Weltkriegs im Comic – und zeigt neben amerikanischen und belgischen Werken auch den ersten deutschen Superhelden.

Fast zeitgleich betraten sie die Weltbühne: Hitler (1933) und Superman (1938). Lange bevor die USA 1941 offiziell in den Krieg eingriffen, war das Dritte Reich – zumindest auf dem Papier – hundertfach geschlagen. Nicht nur durch Superman, sondern ziemlich bald von einer ganzen Phalanx neuer Comic-Helden, von „Captain America“ bis „Terry and the Pirates“.

Laut Comic-Experte Alexander Braun hätten sich mit dem Kriegseintritt der USA auch die Comic-Helden in ihren Geschichten energischer ins Kriegsgeschehen eingemischt. Manche mit Faustschlägen, andere mit logistischer Unterstützung: „Superman beschränkte sich darauf, Spione zu bekämpfen oder die Truppe zu unterstützen, indem er Feldpost hin und her flog. Captain America war da schon radikaler“, so Braun, der die neue Dortmunder Sonderausstellung „Nimm das, Adolf!“ zum Thema „Zweiter Weltkrieg in Comics“ kuratiert hat.

Plakative Ästhetik der Nazis half den Zeichnern

Was diesen unerschrockenen, amerikanischen Superhelden-Patrioten zugute kam, war ausgerechnet die plakative Ästhetik der Nazis: Hakenkreuz, Ledermantel und die alles dominierende Schwarz-Weiß-Rot-Optik. Sie gab den US-Comics jener Jahre einen hohen Wiedererkennungswert und befeuerte das ohnehin im Aufwind befindliche Genre.

Während in den USA Superman-Comics in Millionen-Auflagen gedruckt wurden, schmähte die Nazi-Propaganda Comics als eine den Deutschen unwürdige, amerikanische Erzählweise. Eine Abwertung, unter der die deutsche Comic-Landschaft immer noch leide, weiß Alexander Braun: „Bis heute ist Deutschland Schlusslicht in der internationalen Entwicklung. Das ist tatsächlich eine Nachwirkung der Propaganda im Dritten Reich. Das hatte mit Hitlers pathologischem Hass auf Amerika zu tun, und der Idee, dass wir im hochkulturellen Mitteleuropa so etwas nicht tun: in Sprechblasen schreiben.“

Stattdessen habe man in den wenigen deutschen Bildererzählungen mit gereimten Untertiteln gearbeitet. „Das kommt richtig gruselig rüber, wie ein Lurchi-Heft aus den 50er-Jahren“, so Braun. Die Nazis hätten die Macht des Comics, auch für Propaganda-Zwecke, schlichtweg nicht verstanden.

Trivialität als Waffe

Kein Wunder also, dass der erste deutsche Superheld erst viel später auf der Bildfläche erscheint, nämlich in den 80er-Jahren. Sein Name: Captain Berlin, erfunden vom Westberliner Jörg Buttgereit, der durch Soldaten der Alliierten früh in Kontakt mit Comics kam. „Ich sah ein Heft mit Adolf Hitler in einem riesigen Reagenzglas auf dem Cover, um das Glas herum standen Außerirdische. Ich dachte. ‚Das kann man doch nicht machen!‘ In der Schule hatte ich einen ganz anderen Umgang gelernt. Zuerst hat mich das schockiert. Dann war es fast wie ein Befreiungsschlag für mich. Trivialität und Comedy sind auch eine Waffe gegen Dinge“, so Buttgereit.

Inspiriert von Captain America, kämpft auch Buttgereits Captain Berlin gegen Nazis und andere Diktatoren. In „Operation Untergang“ etwa plant Captain Berlin einen Anschlag auf Hitler. Leider hat ein gewisser Stauffenberg an diesem Tag die gleiche Idee, so dass sich die beiden in die Quere kommen und das Attentat scheitert.

Sprechen ist besser als Schweigen

Buttgereit: „Aus deutscher Sicht hat das immer etwas mit Vergangenheitsbewältigung zu tun. Das wird auch so bleiben, fürchte ich. Man attestiert mir zwar einen sorglosen Umgang mit dem Thema, aber ich mache mir auch Gedanken darüber, wie das ankommt und klopfe das alles drei mal ab.“

Der zweite Weltkrieg ist als Stoff umstritten. Wer das Naziregime zum Thema des eigenen künstlerischen Schaffens macht, sieht sich nicht selten dem Vorwurf der Naziploitation ausgesetzt. Der Künstler nutze demnach den Horror der Nazizeit lediglich als Garant für Aufmerksamkeit. Alexander Braun setzt dem entgegen, dass das Naziregime „so unfassbar böse und unvorstellbar war, dass jegliche Form der kulturellen Brechung kein größeres Tabu sein kann als die historische Realität.“ Und fügt hinzu: „Jegliche Art des Sprechens darüber ist besser als Schweigen.“