Kanada: Was Geisterstädte wirklich gruselig macht

Pechschwarze Gewitterwolken stehen am Himmel, als der Autor die Geisterstadt Bents erreicht

 
 
 

Ghost Towns sind nichts für schwache Nerven – erst recht nicht in Kanadas Provinz Saskatchewan, die voll ist von verlassenen Orten. Das Schlimmste ist dabei nicht die Einsamkeit, wie unser Autor feststellen musste.

Gleich beim ersten Knall ging Jodi vom Gas. Zu spät: Ein Vogel war in die Windschutzscheibe gedonnert, wenige Minuten später folgte ein zweiter. Beklommen fuhren wir weiter – bis zu einem Geisterhaus am Rand des Highways.

Vorsichtig tasteten wir uns über knarrende Dielen ins Innere. Doch nun stehe ich auf einer morschen Treppe, Auge in Auge mit zwei hechelnden Vögeln auf der obersten Stufe: Vorwurfsvoll blicken sie mich an.

Zuvor war ja alles auszuhalten gewesen: das von Mäusen zerfledderte Gerippe eines Sessels. Das Tierskelett auf den brüchigen Bohlen. Die faustgroßen Einschusslöcher in der Wand.

Doch die Vögel geben mir den Rest: Ich ergreife die Flucht, gefolgt von Jodi. Ghost Towns sind nichts für schwache Nerven – erst recht nicht in Saskatchewan, wo die Prärie voll ist von verlassenen Orten.

In Kanada auf der Jagd nach Lost Places

Wir sind auf der Jagd nach Lost Places: faszinierenden Fotomotiven und Relikten aus der Epoche des großen Weizenbooms im Herzen Kanadas. Die meisten sind seit Jahrzehnten verlassen, andere werden nur noch von einem Postamt am Leben gehalten, das die umliegenden Farmen versorgt, von einer Tankstelle oder einem Laden – umgeben von verrosteten Autowracks, eingestürzten Dächern, zugenagelten Häusern.

Anfang des 20. Jahrhunderts brodelte hier überall das Leben: Tausende Siedler aus Europa und den USA strömten her, angelockt von billigem Land – 65 Hektar kosteten zehn Dollar. Entlang der neu entstandenen Bahnlinien schossen alle fünf bis zehn Kilometer Siedlungen aus dem Boden, mit „Grain Elevators“ als Wahrzeichen, gigantischen hölzernen Getreidesilos – die „Kathedralen der Prärie“.

Doch in den 1930ern begann der Niedergang: Dürren, Insektenplagen, Große Depression. Später machten die ersten Bahnlinien dicht – und mit ihnen die kleinen Siedlungen.

Das Ausbluten auf dem Land ist bis heute nicht abgeschlossen. In manchen Orten fühlen wir uns wie Eindringlinge in die Privatsphäre: In den Ruinen stehen noch Betten im Schlafzimmer, Bücher im Regal und Tassen im Küchenschrank.

Bents ist die faszinierendste aller Ghost Towns

Jede Ghost Town hat ihren besonderen Charakter: In der verlassenen Autowerkstatt von Robsart wartet eine Limousine seit Jahrzehnten auf den Mechaniker. In Scotsguard hat ein Sammler unzählige Oldtimer geparkt.

In Insinger kommt Gruselstimmung auf dem Friedhof auf, die Fenster der ukrainisch-othodoxen Kirche sind vernagelt. Und manchmal ist nur eine eingestürzte Holzhütte übrig geblieben, die wie ein gekenterter Kahn im Weizen treibt.

Pechschwarze Gewitterwolken stehen am Himmel, als ich – diesmal allein – Bents erreiche, die faszinierendste aller Ghost Towns. Sucht man im Internet nach Bents, stößt man auf ehemalige Bewohner, die ihre Erinnerungen teilen. „Ich habe immer noch die Musik aus der Dance Hall im Ohr, das Poltern der Dielen unter den Füßen der Tänzer, die ratternden Züge in der Nacht“, schreibt ein User.

Als ich aus dem Wagen steige, ertönt ein rhythmisches Klirren von den Holzhäusern, ein Ton, wie wenn man Glasflaschen sachte aneinanderschlägt. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Aber nein, hier ist niemand! Es müssen Frösche sein, die dieses ungewöhnliche Konzert geben.

Für Grusel sorgen die Geräusche in den Geisterstädten

Nicht die Einsamkeit sorgt hier für Gänsehautgefühle, sondern die Geräusche: das Quietschen einer rostigen Kinderschaukel im Wind; das Knacken und Krachen der Holzböden unter den Füßen; das Zetern der Schwalben, die mir im General Store um den Kopf flattern.

In den Regalen liegen Waren, die seit Jahrzehnten niemand berührt hat: verstaubte Schlittschuhe, Farbdosen, Insektenspray. Die Fächer des alten Postamts sind leer geräumt, an einem Nagel hängt eine zerschlissene Jacke – als wäre der Postmeister nur kurz zum Lunch gegangen.

Fast ehrfürchtig betrete ich die Halle des mächtigen Grain Elevator – und da warten schon weiße Vögel auf mich: zwei Schleiereulen. Erschreckt blicken sie mich an, dann flüchten sie durch die Dachluke. Erst die eine, dann die andere.