Warum das Arbeiten in den USA immer noch so beliebt ist

Büroarbeiter im Silicon Valley

 
 
 

Der Trend zu mehr Freizeit lässt die USA bislang weitgehend unberührt. Start-ups locken zwar mit unbegrenztem Urlaub – den gibt es aber nur auf dem Papier.

New York Vom Trend zu kürzeren Arbeitszeiten und mehr Freizeit ist in den USA bislang nur wenig zu spüren. Die Amerikaner bleiben das Volk der Vielarbeiter. Noch immer dominiert der Mythos der Leistung um jeden Preis. Tesla-Chef Elon Musk schläft sogar in der Fabrik, wenn es darauf ankommt, ein neues Modell pünktlich auf den Markt zu bringen. Der Mehrfachunternehmer rühmt sich, 100 Stunden die Woche zu arbeiten und so gut wie nie Urlaub zu nehmen. Damit verkörpert er immer noch die vorwiegende Einstellung bei den Amerikanern.

Es gibt zwar auch in den USA erste Bestrebungen, weniger Arbeitszeit durchzusetzen. Die Gewerkschaft AFL-CIO etwa hat die 32-Stunden-Woche an vier Tagen bei gleicher Bezahlung offiziell in ihre Zukunftsvision aufgenommen. Aber in der Praxis bleiben solche Möglichkeiten die Ausnahme. Anders als zum Beispiel in Deutschland gibt es für Arbeitnehmer in den USA keinen Rechtsanspruch auf Teilzeit bei reduziertem Gehalt, noch nicht einmal für junge Eltern.

Möglichst viele Stunden bei der Arbeit zu verbringen gehört immer noch zum guten Ton in den USA. Dabei zählen oft die Stunden mehr als die Effizienz. So ist die Produktivität – gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro gearbeiteter Stunde – in den USA zwischen 2010 und 2018 nur um 4,7 Prozent gestiegen.

Zum Vergleich: In Deutschland kletterte die Produktivität im gleichen Zeitraum um 8,8 Prozent und in Dänemark sogar um 11,4 Prozent. Gleichzeitig arbeiten die Deutschen fast zehn Prozent weniger Stunden pro Kopf als die Amerikaner und die Dänen sogar 16 Prozent weniger als die Amerikaner.

Gerade den Millennials – also den zwischen 1981 und 1996 Geborenen – ist zwar die Work-Life-Balance wichtiger als den Generationen zuvor. Aber dabei geht es ihnen nicht so sehr um weniger als vielmehr um flexiblere Arbeitszeiten und Arbeitsorte, damit sie Familie und Beruf miteinander vereinbaren können. Das liegt auch daran, dass oft beide Partner Vollzeit arbeiten.

Viele Firmen werben schon in ihren Stellenanzeigen mit mehreren Tagen Heimarbeit pro Woche, damit die Mitarbeiter nicht jeden Tag wertvolle Zeit durch den Arbeitsweg verlieren.

Bei Netflix gibt es besonders viel Urlaub

Andere – vor allem Start-ups und Technologieunternehmen wie Netflix – locken die Mitarbeiter mit einem neuen Trend: so viel Urlaub, wie man will. In einer Umfrage des Versicherers MetLife landete die „Unlimited Vacation Policy“ auf dem ersten Platz der Wunschliste von amerikanischen Arbeitnehmern.

Mit einer Zustimmung von 72 Prozent lag der unbegrenzte Urlaub deutlich vor anderen Arbeitgeberleistungen wie der Übernahme von Studentenkrediten oder Extras für die Krankenversicherung.

In der Praxis hat das den Haken, dass die Mitarbeiter meist ihren Urlaub mit ihren Vorgesetzten absprechen müssen. Die können sich dann dagegen aussprechen, oder sie verlangen von den Beurlaubten, dass sie auch in Thailand oder Bali erreichbar sind – und das oft zu nachtschlafenden Zeiten. Andere haben schlicht ein schlechtes Gewissen, wenn sie Urlaub nehmen.

Tatsächlich hat eine Studie des Personaldienstleisters Namely ergeben, dass Mitarbeiter mit unlimitierten Ferien in den USA durchschnittlich nur 13 Tage Urlaub im Jahr nehmen, während Mitarbeiter mit traditionellen Verträgen im Schnitt 15 Tage nehmen.

Die Softwarefirma CharlieHR hat deshalb ihren 2015 ins Leben gerufenen unlimitierten Urlaub wieder gestrichen, weil die Mitarbeiter zu wenig davon in Anspruch nahmen. „Wenn man 25 Tage Urlaub hat, ist man unbewusst motiviert, diese auch zu nehmen“, erklärte der Mitgründer Ben Gateley in seinem Blog. Beim unlimitierten Urlaub sei das Gegenteil der Fall. Deshalb gibt es jetzt wieder klare Regeln.