Mexiko: Mama Mafia in der Corona-Krise

Lebensmittel- und Hygienepaket mit dem Konterfei des Drogenbosses "El Chapo" Guzman für Bedürftige

 
 
 

Wettbewerb der „Wohltäter“: In Mexiko überbieten sich Drogenkartelle mit Hilfsaktionen für Bedürftige. Mitten in der Corona-Krise, die auch die Mafia trifft, geht es darum, Einfluss und Macht zu bewahren.

Der Name war schnell gefunden: das „Chapo-Fresspaket“. So tauften die Medien die Lebensmittel-Kartons, die die Tochter von Mexikos bekanntestem Drogenboss Joaquín „El Chapo“ Guzmán werbewirksam unters Volk verteilte. Die Hilfe sei in der Coronakrise für die Bedürftigen, vor allem die Älteren, erklärte Alejandrina Guzmán, eine der Töchter des in den USA inhaftierten Chefs des Sinaloa-Kartells.

Ihr gehört die im Bundesstaat Jalisco registrierte Modemarke „El Chapo 701“, die vor allem „Narco-Chic“ vertreibt. Guzmán ließ sich mit Helfern dabei filmen, wie sie Klopapier und Reis in Pappkartons mit dem Logo der Marke verpackt. Dann schwärmten die Helfer aus – und wenige Zeit später kursierten in sozialen Netzwerken Videos und Bilder der Aktion.

Guzmán folgt damit dem Trend: Mexikos Verbrecherbanden haben in den vergangenen Tagen mit auffällig hoher Frequenz und Medienwirksamkeit Hilfsgüter verteilt. Staatliche Autoritäten sind dabei oft machtlos. Die Verteilung erfolge durch unbewaffnete Zivilisten, sagte etwa der Bürgermeister von San Luis Potosí, Xavier Nava, wo das Kartell Jalisco Nueva Generación Hilfsgüter austeilte. Er habe somit keine rechtliche Handhabe.

Doch was steckt hinter der Aktion? „Es gibt keine akute humanitäre Krise oder Güterknappheit in Mexiko“, sagte Falko Ernst von der Crisis Group der DW. „Die Kartelle nutzen die Lage, um ihre soziale Basis zu festigen.“ Fresspakete seien dabei momentan opportuner als Gewalt. „Die Ressourcen der Kartelle sind derzeit knapp, und ein Krieg ist kostspielig.“

Wohltätigkeit als Machtinstrument

Auch der Journalist und Drogenexperte José Reveles spricht von einer „Propagandastrategie, um Präsenz zu zeigen“. Gewalt und Wohltätigkeit seien zwei Seiten derselben Medaille, bei der es um territoriale Ansprüche gehe, die sowohl gegenüber dem Staat als auch feindlichen Kartellen angemeldet werden.

Den Kriminellen zupass kommt, dass Mexikos Regierung zwar Sozialprogramme aufgelegt hat, die aber ineffizient, lückenhaft und politisiert sind. „Das ist beunruhigend“, so Ernst. „Wenn der Staat nicht gegensteuert, hat Mexiko bald ein noch größeres Sicherheitsproblem.“ Schon vor der Pandemie steuerte Mexiko auf einen neuen Rekord bei der Gewaltkriminalität zu. Mit 2.585 Morden war März bislang der gewalttätigste Monat seit Beginn der Aufzeichnung.

Der Universitätsprofessor Mauricio Merino vom Zentrum für Wirtschaftliche Entwicklung und Forschung (CIDE) rät dem Präsidenten Andrés Manuel López Obrador daher dazu, seine Prestigeprojekte wie eine Raffinerie und einen Touristenzug in Südmexiko auf Eis zu legen und stattdessen 68 Millionen Armen sechs Monate lange eine Grundrente auszuzahlen. Davon will der Staatschef aber nichts wissen. Der Sicherheitsaspekt der Coronakrise kommt in seinen morgendlichen Ansprachen praktisch nicht vor.

Coronakrise trifft Kartelle

COVID-19 trifft auch das organisierte Verbrechen. Viele Schmuggelrouten sind blockiert, sowohl bei Kokain aus Südamerika als auch bei den aus China stammenden Vorläuferchemikalien für synthetische Drogen gibt es Lieferengpässe. Schutzgelderpressungen und Menschenhandel sind wegen des wirtschaftlichen Stillstandes und der Grenzschließungen zurückgegangen. Einige Gruppen könnten deshalb ihre Killer nicht mehr bezahlen.

Nach Einschätzung des Drogenexperten José Reveles haben aber vor allem die größeren Kartelle genügend Reserven, um einige Monate zu überbrücken – und vielleicht sogar kleinere Gruppen zu schlucken. „Das wäre für den Staat ein günstiges Szenarium, wenn er dann gezielt die Geldwäsche angeht und die Finanzen der Großen austrocknet“, so Reveles. Bislang sieht der Experte allerdings nur sehr zaghafte Schritte der Regierung in diese Richtung.

Eine Re-Zentralisierung des Drogenhandels wie vor 20 Jahren, als das Geschäft in der Hand weniger Capos unter Aufsicht der Staatspartei der Institutionellen Revolution (PRI) lag, ist Ernst zufolge aber nicht zu erwarten. „Die Fragmentation der Kriminalität insgesamt ist zu groß“, gibt er zu bedenken. Er sieht eher das Risiko, dass die kleineren, kriminellen Subunternehmer in Kidnapping, Straßenkriminalität und Benzinschmuggel abdriften. Mittelfristig könnte sich die Gewaltspirale dann noch schneller drehen.